
Ü-Schrift
Personen:
Oberstaatsanwalt Dr. Richard Weber: Mitte 50, trägt cognacfarbene Dreiteiler, handgemachte Schuhe, männlich elegant, gut trainiert. Schwabe aus Balingen. Ein gerade, etwas verbissener Charakter, überzeugter Rechtsstaatler, Pietist, lächelt sparsam.
Lisa Nerz: 40, quer, Narbe im Gesicht, gendermäßig oszillierend, schlagfertig auch physisch, wendig, frech, respektlos.
Oberbürgermeister: Ein freundlicher und bemühter Mann.
Referentin Hollengeier: jung, in adrettem Karrieregrau mit großem Namensschild, etwas unglücklich mit sich selbst.
Richard schaut hinab
Die ewige Stadt!
Lisa
Rom?
Richard
Was braucht Stuttgart Rom? Schau dir das an, Lisa! Sieben Hügel kriegen wir auch zusammen.
Lisa bekreuzigt sich
Bist halt ein Wüstgläubiger, Richard!
Richard
Guck mal, die Kickers …
Bürgermeister
Wie spät ist es, Frau … (schaut aufs Namenschild auf dem Busen)?
Hollengeiger
Hollengeier. Die … kommen sicher gleich, Herr Oberbürgermeister.
Handy klingelt, Ob und Hollengeier suchen. Auch Richard zuckt. Es ist das des OBs
Lisa
Schau mal: auf dem Parkplatz! … Siehst du die? Sehen die nicht aus wie … schau doch mal, Richard!
Richard
Wo?
OB (nimmt Gespräch an)
… Der Fernsehturm? … Moment, meine Referentin erklärt Ihnen das geschwind. (gibt das Handy weiter. Leise:) Die Trottel finden den Fernsehturm nicht.
Hollengeier
Grüß Gott! Wo sind Sie denn? … Jaja, Stuttgart zwischen Wald und … Aber der Fernsehturm ist eigentlich nicht zu übersehen.
OB
Fragen Sie sie, was sie sehen!
Hollengeier
Was sehen Sie? … (zum OB): Bäume.
OB
Sie sollen jemanden fragen.
Hollengeier
Am besten, Sie fragen jemanden. (zum OB) Da ist niemand.
OB
Sackzement!
Hollengeier
… ja … tun Sie das. Okay. (beendet Gespräch) Die Presse ist auch noch nicht da. Ich schau mal unten. (geht zum Fahrstuhl)
Lisa (geht zu OB)
Ein bisschen Presse wär doch schon da.
OB
Ah, ja?
Lisa
Schwabenreporterin Lisa Nerz, Stuttgarter Anzeiger. Auf wen warten wir denn?
OB
Die EU-Delegation hat sich im Wald verirrt.
Lisa (erstaunt für sich)
Die EU!
Richard
Ah ja! (informiert) Wie der Presse zu entnehmen war, rechnen Sie mit einem oberen Platz im Städte-Ranking.
OB
Stuttgart hat viel mehr Besonderheiten zu bieten, als man immer denkt.
Hollengeier (kommt zurück)
Irgendwas stimmt mit dem Fahrstuhl nicht? Er bewegt sich nicht!
Lisa
Vermutlich ist der Fahrstuhlführer eine rauchen.
Hollengeier
Wieso muss der überhaupt ständig mitfahren?
Richard
Aus Sicherheitsgründen.
Lisa
Klaustrophobie, Panik … Absturz!
Richard
Falls er steckenbleibt, kann der Fahrstuhlführer den anderen Lift holen und man steigt durch eine Tür um.
Lisa
Kommt alle paar Tage vor?
Hollengeier
Bloß nicht!
Handy klingelt. Alle greifen reflexhaft in ihre Taschen und ziehen diverse tolle Geräte. Diesmal ist es Richards Handy, das das einfachste ist.
Richard
Frau Meisner … Was? (geht zum Fenster). Von hier aus kann ich nichts erkennen. … Doch, der Oberbürgermeister. … Hoffen wir, dass die Polizei die Situation schnell bereinigt … (beendet das Telefonat, schaut sehr ernst.)
Lisa
Was isch?
Richard
Wie es aussieht, haben wir eine … nun … Gefahrenlage.
Lisa
Das ist Oberstaatsanwalt Dr. Richard Weber. Darum redet der so.
OB
Angenehm! Was ist das für eine Gefahrenlage?
Richard
Anscheinend hat eine Gruppe Vermummter …
Lisa
Die habe ich vorhin da unten über den Parkplatz laufen sehen. So lustige Kerle in Schwarz mit Skimützen und Sporttaschen. Ich dachte: Weil ja hier oben Theater gespielt wird …
Richard
Sie haben den Eingang unten gestürmt und den Fahrstuhl außer Kraft gesetzt, die Treppe blockiert. Sie sind augenscheinlich bewaffnet.
OB
Und woher haben Sie diese Informationen?
Richard
Das war eben Staatsanwältin Meisner. Wir waren verabredet. Sie kommt unten nicht rein. Die Polizei ist im Anmarsch.
OB (zieht sein Handy)
Wieso ruft der Polizeipräsident mich dann nicht an?
Richard
Vermutlich, weil die Polizeirevierstation Degerloch, die zunächst anrückt, keine Kenntnis davon hat, dass Sie hier auf eine EU-Delegation warten.
OB (tippt in sein Handy, kommt aber vor Aufregung nicht zu Pott. Geht beiseite)
Hollengeier (zieht hektisch ebenfalls ihr Handy und geht beiseite)
Lisa
Muss ich jetzt auch mein Handy ziehen?
Richard
Glücklicherweise liegen knapp 144 Meter zwischen denen und uns. Wenig, wenn man es horizontal betrachtet, aber vertikal sind es endlose an die 762 Stufen, wenn wir uns auf die oberste Plattform zurückziehen würden.
Lisa
Und was fordern sie?
Richard
Lisa, das darf ich dir nicht sagen. Das weißt du doch.
Lisa
Sortier dich mal, Richard! Du bist jetzt nicht Staatsmacht, sondern Staatsohnmacht! Wir sind Geiseln!
OB
Dann machen Sie sich mal kundig! (beendet Handygespräch) Der Polizeipräsident kann die Sachlage nicht bestätigen.
Lisa
Der Polizeipräsident ist immer der letzte, der was erfährt. Und der Oberbürgermeister natürlich.
OB (lacht humorlos)
Das kann nur ein dummer Scherz sein.
Richard
Kollegin Meisner neigt nicht zu dummen Scherzen.
Lisa
Was fordern Sie denn nun?
Richard
Wenn ich Meisner richtig verstanden habe … aber es ist absurd. Es geht … um Rekorde. Stuttgart, die Stadt der Rekorde …
Lisa (lacht)
Oha!
OB
Genau! Die EU-Delegation soll …
Richard
Aber, Herr Oberbürgermeister, was haben wir denn schon groß, ein bisschen Staatsgalerie, Weißenhofsiedlung und … Automuseen …
Lisa
Ha, da bricht der Schwabe wieder durch. Schauen Sie sich das an: Aufgeregt demonstriert er seine Bescheidenheit und hofft, dass ihm keiner glaubt!
Richard (brummt unwillig)
Lisa, bitte!
OB
Äh, Frau, äh ...!
Hollengeier (mit Handy am Ohr)
Hollengeier. – Moment … ich muss g’schwind … (rennt vorbei zum Fahrstuhl)
OB (Achselzuckend)
Wir brauchen uns da gar nicht zu verstecken, Herr Dr. Weber. Nehmen Sie den Fernsehturm. Er ist der erste der Welt!
Richard (nüchtern)
Der erste der Welt wurde auf dem Brocken im Harz gebaut, 1936.
Lisa
Ja, Herr Oberbürgermeister. Unser Staatsanwalt ist als Rechthaber bislang ungeschlagen.
OB
Ich darf aber darauf hinweisen, dass unser Fernsehturm der erste der Welt ist, der aus Stahlbeton errichtet wurde.
Lisa
Eins zu null für den OB!
OB
(ermutigt) Und unsere Zahnradbahn …
Richard
Die erste Deutschlands fuhr in Wasseralfingen.
OB
Fuhr! Unsere Zacke ist die einzige im Linienbetrieb in einer deutschen Großstadt.
Richard
In Zürich fährt auch eine.
OB
In einer deutschen Großstadt! Und unsere Mineralwasservorkommen sind die größten in West-Europa …
Richard
Und in Europa die zweitgrößten nach Budapest. Mit schlauen Einschränkungen wird aus allem ein Rekord.
Lisa
Jetzt wissen Sie, was ich meine!
OB
Wir haben auch noch 400 Stäffele mit 25.000 Stufen, über 20 Kilometer lang!
Richard
Die Stadt mit den meisten Treppen und Stufen ist zweifellos Rom.
Lisa
Die ewige Stadt. Da muss Stuttgart sich schon noch üben, gell?
OB
Aber unsere Wilhelma ist der einzige Zoo Europas mit einem so großen botanischen Garten. Und unser Cannstatter Volksfest ist sogar das größte mobile Schaustellerfest weltweit …
Richard
Behaupten die Veranstalter.
OB
Und – unschlagbar – Wir haben das erste Stahlbetonhochhaus der Welt. Den Tagblattturm.
Richard
(grummelt) Hm … Nun ja, in den USA …
Lisa
Vorsicht, Herr Oberbürgermeister. Der schwätzt Ihnen gleich den Tagblattturm weg.
OB
Und last but aber not least wurde in Stuttgart die erste Waldorfschule überhaupt gegründet …
Richard
Das stimmt.
Es scheppert im Fahrstuhlschacht. Hollengeier erscheint wieder, jetzt mit Skimütze überm Gesicht, Maschinenpistole und Springerstiefeln zum Kostümchen. Das Namensschildchen trägt sie immer noch.
OB
Aber …Frau … äh …!
Lisa
Vorsicht. Hier sind Leute! (Macht sich zum Angriff bereit.)
Hollengeier
(richtet die Waffe auf sie) Gosch halten!
Lisa
Und was gibt das, wenn es fertig ist?
Richard
Geiselnahme wird nach Paragraf 239b StGB mit einer Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft. Und sollte eine Geisel bei einem Befreiungsversuch durch die Polizei sterben, kriegen Sie lebenslänglich.
OB
Nehmen Sie wenigstens die alberne Maske ab. Wir wissen doch alle, wer Sie sind.
Hollengeier
Still, alle miteinander! Ich habe Sie gewarnt, Herr Bürgermeister: Laden Sie diese Vollpfosten von der EU nicht ein. Das gibt Aufstand. Wir wollen das nicht. Wir brauchen das nicht. Wir …
Lisa
Wer ist: WIR?
Hollengeier
Wir! Die Stuttgarter … die Bürger!
Lisa
Aber ich will es!
Hollengeier
Wozu? Brauchen Sie das zum Leben?
Lisa
Solange es Alkohol, Zigaretten und die Partymeile gibt … und das Sarah! Hat Stuttgart nicht auch die größte SM-Szene bezogen auf die Zahl der Einwohner?
Hollengeier
Sehen Sie! Mehr braucht kein Mensch.
Lisa
Was? Sie veranstalten das hier für die Sado-Maso-Szene?
Hollengeier
Nein! Quatsch! Sie machen mich ganz wuschig.
Lisa
Ich bin katholisch. Da geht immer was. Nach der Sünde kommt die Beichte. Aber (deutet auf Richard) mein Lebensabschnittsirrtum, der...
Richard
Lisa, bitte, das tut nichts zur Sache!
Lisa
… der ist Pietist. Er isst freitags nicht mal Maultaschen. Er bescheißt nicht. Sein Leben ist ein Jammertal. Das passt genau in den Kessel. Er wohnt auf dem Haigst und blickt bis Cannstatt, zum Ausgang, aufs Ende. Bis zum Neckartor ist er mit seinem Leben schon gekommen – nobel im Daimler, die Konrad-Adenauer-Straße entlang. Er hat’s also bald geschafft. Nehmen Sie sich in Acht: Der fürchtet sich nicht vor Ihnen.
Hollengeier richtet Augen und MP auf Richard, Lisa zuckt, weil sie einen Angriff starten will, bricht aber wieder ab.
OB
Das Neckartor ist übrigens Deutschlands Kreuzung mit dem meisten Feinstaub.
Richard
Die nicht mitgerechnet, wo nicht gemessen wird.
Handy klingelt. Diesmal zuckt nur der OB und nimmt das Gespräch an.
OB
So, ja …! Sehr gut. Leider haben wir da noch ein kleines Problem zu lösen. (zu den andern) Die EU-Delegation hat den Fernsehturm gefunden.
Hollengeier
Schicken Sie sie weg. Wir brauchen die Vollpfosten hier nicht.
OB
Leise! (hält das Handymikro zu) Wie reden Sie denn über die EU?
Hollengeier
Endlich frei! Schicken Sie die weg! Los!
OB
Was soll ich denen denn sagen?
Hollengeier
Es hat sich erledigt. Aus, Ende! Finito. Kein Interesse! Stuttgart muss Stuttgart bleiben!
OB (ins Telefon)
Moment bitte.
Richard
Und was genau ist das, was bleiben muss?
Hollengeier
Unsere Stadt!
Lisa
Verstehe: Der Fernsehturm reicht. Niemand muss wissen, was wir sonst noch haben. Zwischen Autos und Stadtautobahnen.
OB (ins Telefon)
Hören Sie … (schaut auf) … weg.
Lisa (macht sich erneut zur Attacke bereit)
Dann erklären Sie uns doch mal in einfachen Worten, worum es Ihnen und den Chaoten da unten genau geht. Vielleicht finden wir eine Lösung.
Hollengeier
Wir sind keine Chaoten!
Lisa
Aber besonders gut durchgeplant scheint mir die Aktion …
Lisa macht einen Schritt nach vorn und packt das Maschinengewehr, zieht die Mündung nach oben und legt Hollengeier mit einem Fußfeger (Judo) auf den Boden. Lisa hat nun die MP in der Hand.
Lisa
… nicht zu sein.
Hollengeier
Au!
Lisa
Ich habe den Schwarzen Gurt im Mikado. Das hätten Sie vorher bedenken müssen.
Hollengeier rappelt sich auf und zieht sich die Skimütze vom Kopf.
Lisa
So und jetzt pfeifen Sie ihre Masken-Truppe da unten zurück.
Richard
Das Gericht kann die Strafe nach Paragraf 49, Abs. 1 mildern, wenn der Täter die Opfer unter Verzicht auf die erstrebte Leistung in deren Lebenskreise zurückgelangen lässt.
Hollengeier
Die … die hören nicht auf mich. Wir müssen ihnen beweisen …
Lisa
WIR? Wer WIR jetzt?
Hollengeier
Es war doch nicht meine Idee. Mein Freund hat sich das ausgedacht, als ich von der EU-Delegation erzählt habe. Die Leute müssten endlich aufwachen!
Lisa
Die Leute? Welche Leute?
Hollengeier
Na, die Stuttgarter. Wir alle! Die Bürger, die schweigende Mehrheit.
Richard
Es wird einen guten Grund geben, warum die schweigende Mehrheit schweigt.
Kurzer Moment des Schweigens.
OB
Übrigens, Sie sind gefeuert.
Hollengeier (heult los)
Ich wollte das nicht.
Lisa
Und was sollte dann Ihr Auftritt mit dem Ego-Shooter?
Hollengeier
Das habe ich nur gemacht, um … um den OB zu schützen. Damit sie nicht hochkommen!
Richard
Klüger wär’s gewesen, Sie hätten im Vorfeld den Behörden einen Tipp gegeben.
Es knallt. Wie Kanonenschläge im Fahrstuhl
Hollengeier
Sind nur Feuerwerkskörper. Ich schwörs. Die Waffen sind auch nicht scharf.
Richard
Und die Polizei, woher soll die das wissen? Beten Sie zu Gott, dass Ihr Freund und seine Kumpane nicht tot sind, ehe Sie »Spässle g‘macht!« sagen können.
Hollengeier (heult)
Können Sie der Polizei das nicht sagen?
Richard
Sind Sie sich denn absolut sicher?
Hollengeier (zögert)
Wo sollen mein Freund und seine Kumpels denn scharfe Waffen herhaben?
Richard
Dann rufen Sie ihn jetzt an. Versuchen Sie, ihn zur Aufgabe zu bewegen.
Hollengeier
Das habe ich schon versucht. Vorhin. Er sagt: Es kann nicht so weitergehen: höher, weiter, schneller.
Lisa
Das liegt an den die Medien. Sie lieben Rekorde. Wer hat den Ersten, den Schönsten, den Längsten …
Hollengeier
Wir müssten ihm beweisen …
Lisa
WIR? Wer ist jetzt schon wieder: WIR?
Hollengeier
Also Sie … Er! Der OB muss eine Erklärung herausgeben. Sie müssten beweisen, dass das alles Quatsch ist mit den Rekorden.
OB
Aber es lässt sich nun mal nicht wegdiskutieren, dass der Fernsehturm der erste der Welt ist.
Lisa
Nicht so kleinmütig! Unser Oberstaatsanwalt ist das größte Obergescheitle der Welt.
Alle schauen Richard hoffnungsvoll an.
Richard
Hm …
Lisa
Mach uns Stuttgart madig, Richard! Du schaffst das!
OB
Die Stäffele haben Sie uns schon wegdiskutiert, die Mineralquellen auch. Der botanische Garten ist ohne Tierpark auch nicht der größte.
Richard
Hm. Also …
OB
Der Tagblattturm!
Richard
Fertiggestellt 1928. Doch das erste Stahlbetonhochaus ist wohl in den USA entstanden. Und zwar 1903 das Ingalls Building in Cincinnati mit 16 Stockwerken.
OB (angstvoll)
Der Tagblattturm hat 18. Er ist 61 Meter hoch.
Richard
Und Cincinnati 64 Meter, wenn ich mich recht erinnere.
Lisa
Na, geht doch!
OB
Und nun der Fernsehturm? Dass er nicht der erste ist, sagten Sie schon. Aber er ist der erste aus Stahlbeton.
Richard
Nein, der erste war 1952 der Funkmast von Egestorf bei Hamburg. Allerdings nur 78 Meter hoch.
OB
Und kein Fernsehturm.
Richard
Unserer ist seit ein paar Jahren auch nur noch Funkturm.
OB
Aber er war der erste seiner Art. Eine Betonröhre …
Richard
… in Form eines Hyperboloids (macht die Handbewegung dazu) Nie kopiert.
Lisa
Ich bin auch die erste und einzige meiner Art. Ist das Einmalige ein Rekord?
OB (schöpft Hoffnung!)
Ah, ja …!
Richard
Rekord, von lateinisch recordare sich erinnern, merken, bezieht sich auf eine Leistung, die besser ist als vergleichbare Leistungen. Das drückt sich in Vergleichs-Zahlen aus.
Lisa
Und einmalig ist keine Vergleichszahl! Sauber!
Hollengeier
Aber was ist damit, dass man vom Fernsehturm und von keinem andern Ort in Stuttgart die gesamte Stadt sehen kann?
OB
Wo haben Sie das denn her?
Lisa
Gucken Sie doch raus. Sehen Sie Heslach? Und wandern Sie mal Ihre Stäffele ab. Von keiner Anhöhe aus sieht man alle Winkel der Stadt.
Richard
Was auch für Rom und ihre sieben Hügel gilt.
Lisa
Gesegnet sei Rom!
OB
Gut. Und jetzt rufen Sie Ihren Freund an und sagen Sie ihm, dass …
Lisa
Moment! Die erste Waldorfschule!
Richard
Gegründet am 7. September 1919 als Betriebsschule für die Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria auf der Uhlandshöhe.
Lisa
Einmalig ist sie leider nicht geblieben.
Alle seufzen.
Lisa
Wenn in Stuttgart sechzig Leut beieinander sitzen, kann mindestens einer seinen Namen tanzen.
OB
Ich war auf einer Waldorfschule.
Richard
Nun ja … hm. … Vielleicht … ja …
OB
Ja?
Richard
Ja, so könnte es gehen …
Hollengeier
Ja? Wie?
Lisa (leise anfeuernd)
Du schaffst es, du schaffst es …
Richard
Die Waldorf-Pädagogik ist im Grunde nichts anderes als Reformpädagogik. Davon gab’s reichlich vor hundert Jahren. 2007 hat Montessori das Hundertjährige gefeiert. Aber die Waldorfschulen können ihr Hundertjähriges erst 2019 feiern.
Lisa (ballt die Faust)
Ja!
Richard
So und jetzt ab mit Ihnen. Sagen Sie ihrem Freund: Wir haben den Fall gelöst. Stuttgart hat nichts, was die Aufregung lohnt. Alles nur zweit- und drittklassig.
Hollengeier nimmt ihr Handy, tippt und geht dabei zum Fahrstuhl.
OB
Eigentlich schad!
Richard
Seien Sie ein guter Schwabe! Es macht viel weniger Stress, wenn man nichts hermachen muss.
Alle gehen langsam ab, der OB voran, Lisa und Richard beisammen hinterher
Lisa
Tja, die Mineralquellen sind nur Tümpel, der botanische Garten ein Wiesenstückle, das Volksfest ein Dorfrummel, der Fernsehturm ne Extrawurst, die Weißenhofsiedlung eine Ansammlung von Schuhschachteln, der Tagblattturm eine Vortäuschung falscher Tatsachen, das Städtle ein sumpfiger Weiler. Und wir Stuttgarter sind echte …
Richard
WIR sind gar nicht von hier, Lisa. Du kommst von der Reutlinger Alb, ich aus Balingen.
Lisa
Dann sind WIR die Grasdackel. Gell?
© Alle Rechte am Stück liegen bei der Autorin.







